New York/London (Reuters) – Die Pharmaindustrie trifft angesichts der erwarteten Zollerhöhungen von US-Präsident Donald Trump am 2. April ungewöhnliche Vorkehrungen und fliegt verstärkt Medikamente in die USA ein.
Zwei europäische Pharmakonzerne berichteten der Nachrichtenagentur Reuters, dass sie in den vergangenen Wochen so viele Arzneimittel wie möglich über den Atlantik geschickt hätten – und gehört hätten, dass andere Firmen dasselbe tun. Denn die Branche befürchtet, dass auch in Europa produzierte Arzneimittel von den Zöllen betroffen sein könnten.
Einer der Führungskräfte sagte, sein Unternehmen plane Szenarien für mögliche Zölle und versende mehr Medikamente per Luftfracht mit globalen Logistikfirmen wie UPS und DHL. Genauere Details nannte er nicht. DHL bestätigte einen Anstieg der pharmazeutischen Luftfracht aus Europa, nannte aber keine Gründe. UPS lehnte eine Stellungnahme ab. Der Schweizer Logistikkonzern Kuehne+Nagel berichtete von “einigen größeren Lieferungen in die USA”, betonte aber, es sei noch zu früh, um einen direkten Zusammenhang mit den drohenden Zöllen zu ziehen.
Pharmazeutische Produkte blieben aufgrund der potenziellen Gefahren lange Zeit von Handelskriegen verschont. Doch Trumps Entscheidung, die Zölle auf Waren aus China zu erhöhen, sowie eine erste Zollrunde zwischen den USA und der EU auf Waren wie Stahl und Bourbon, haben die Erwartung geweckt, dass auch Medikamente auf die Liste kommen werden.
US-REGIERUNG SORGT MIT ZÖLLEN FÜR VERUNSICHERUNG
Die Sorgen über neue Zölle gehen über die Pharmabranche hinaus: In den vergangenen Monaten haben auch Automobilhersteller wie General Motors und Mercedes, französische Cognac-Produzenten sowie italienische Parmesan- und Sekthersteller ihre Lieferungen in die USA beschleunigt. Trump hatte bereits vor seinem Amtsantritt im Januar Importzölle ins Spiel gebracht. Seitdem hat er wiederholt mit einem Zoll von 25 Prozent auf Arzneimittelimporte und Waren aus der EU gedroht. Am Mittwoch kündigte Trump Zölle von 25 Prozent auf alle nicht in den USA gefertigten Autos an, die ab dem 3. April gelten. Weitere Zölle will er am 2. April verhängen.
PHARMAWERTE UNTER DRUCK – EXPORTE IN DIE USA STEIGEN
Die Unsicherheit über mögliche Zölle belastet die Aktien europäischer Pharmakonzerne. Investoren und Analysten erklärten gegenüber Reuters, dass die Kurse von Unternehmen wie Novo Nordisk und AstraZeneca deshalb unter Druck geraten seien. Der europäische Gesundheitssektor-Index fiel am Donnerstag um 0,7 Prozent und erreichte den tiefsten Stand seit Trumps Amtsantritt am 20. Januar.
Laut Eurostat beliefen sich die Arzneimittel- und Pharmaexporte der EU in die USA im Jahr 2023 auf rund 90 Milliarden Euro. Dazu gehören auch populäre Medikamente die Abnehmspritzen Wegovy und Zepbound von Novo Nordisk und Eli Lilly sowie das Krebsmittel Keytruda von Merck & Co.
Irland, einer der größten Arzneimittelexporteure in die USA, meldete im Januar einen sprunghaften Anstieg der Medikamentenexporte dorthin. Laut Zentralbank-Daten summierten sich die Exporte auf 9,4 Milliarden Euro – fast das Dreifache des Dezember-Werts von 3,2 Milliarden Euro und mehr als doppelt so viel wie im Januar 2024 (4,1 Milliarden Euro).
Laut dem Arzneimittel-Lieferkettenexperten Prashant Yadav vom Council on Foreign Relations haben in diesem Jahr auch die Medikamentenexporte aus Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Großbritannien in die USA zugenommen. In normalen Zeiten hielten Pharmaunternehmen und Großhändler Vorräte für drei bis sechs Monate vor – vorausgesetzt, die Medikamente haben eine lange Haltbarkeit, erklärte Yadav.
(Bericht von Michael Erman, Maggie Fick und Lisa Baertlein, unter Mitarbeit von Matthias Inverardi in Düsseldorf und Padriac Halpin in Dublin, geschrieben von Patricia Weiß, redigiert von Ralf Banser. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)