Ankara (Reuters) – Die türkischen Behörden haben nach Angaben der Opposition einen Anwalt des inhaftierten Istanbuler Bürgermeisters Ekrem Imamoglu festgenommen.
Mehmet Pehlivan, der Imamoglu in den jüngsten Ermittlungen verteidigt hatte, sei “aus erfundenen Gründen” in Gewahrsam, teilte der CHP-Abgeordnete Turan Taskin Özer in einem Beitrag auf der Online-Plattform X am Freitag mit, ohne Einzelheiten zu nennen. Der private Sender Habertürk berichtete, dem Anwalt werde “Geldwäsche von Vermögenswerten aus einer Straftat” vorgeworfen. Innen- und Justizministerium reagierten zunächst nicht auf Anfragen nach einer Stellungnahme.
Imamoglu, Mitglied und Präsidentschaftskandidat der wichtigsten Oppositionspartei CHP (Republikanische Volkspartei), gilt als größter politischer Rivale von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Er war am vergangenen Sonntag wegen Korruptionsvorwürfen in Untersuchungshaft genommen worden. Dies löste die größten Proteste in der Türkei gegen die Regierung seit einem Jahrzehnt aus, landesweit kam es zu zahlreichen Festnahmen, auch von Journalisten, die über die Proteste berichteten. Imamoglu, der wegen des Falles vorerst seines Amtes enthoben wurde, forderte die sofortige Freilassung seines Anwalts.
IMAMOGLU FORDERT FREILASSUNG
“Als ob der Putsch gegen die Demokratie nicht genug wäre, können sie es nicht ertragen, dass sich die Opfer dieses Putsches verteidigen”, schrieb Imamoglu auf X. Die CHP, andere Oppositionsparteien und Menschenrechtsgruppen sehen in der Festnahme Imamoglus einen Putsch und westliche Staaten haben übereinstimmend erklärt, dass der Fall gegen den Bürgermeister ein politisch motivierter Versuch sei, einen potenziellen Wahlgegner Erdogans auszuschalten. Die Regierung bestreitet jeglichen Einfluss auf die Justiz und erklärt, die Gerichte seien unabhängig.
Die CHP hat die Bevölkerung aufgerufen, weiter zu protestieren, und erklärt, sie werde an verschiedenen Orten in Istanbul und anderswo Kundgebungen und Versammlungen organisieren. Erdogan hat die Proteste als “Show” abgetan und vor rechtlichen Konsequenzen für die Demonstranten gewarnt. Nach Angaben des Innenministeriums sind bei den Protesten bislang 1879 Menschen festgenommen worden. Die Gerichte hätten für 260 von ihnen Untersuchungshaft angeordnet. Für Samstag hat die CHP zu einer Großkundgebung im Istanbuler Stadtteil Maltepe aufgerufen.
(Bericht von Huseyin Hayatsever und Ece Toksabay; Bearbeitet von Alexander Ratz; Redigiert von Christian Götz; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)