Moskau (Reuters) – In einem Machtkampf in der russischen Lebensmittelindustrie werfen die Behörden dem inhaftierten Hauptaktionär des größten börsennotierten Agrarkonzern Rusagro Betrug in großem Stil vor.
Der Unternehmer und frühere Politiker Wadim Moschkowitsch habe im Zuge einer Firmenübernahme einen Partner um 30 Milliarden Rubel (330 Millionen Euro) betrogen, lautet der Vorwurf von Ermittlern des Innenministeriums, wie die staatliche Agentur Tass am Mittwoch berichtete. Im Falle einer Verurteilung drohen dem 57-jährigen Rusagro-Gründer den Angaben zufolge bis zu zehn Jahre Haft. Der im März festgenommene Milliardär ist in Russland der prominenteste Wirtschaftshäftling seit Jahren. Der Fall hat in der russischen Wirtschaft Aufsehen erregt und den Rusagro-Kurs auf Talfahrt geschickt.
Rusagro ist ein führender Produzent von Zucker, Fleisch, Speiseöl und Fetten in Russland. Die Regierung misst dem Konzern strategische Bedeutung für die Versorgung bei und hat ihn im vergangenen Jahr in die Liste der wirtschaftlich bedeutsamen Unternehmen aufgenommen. Mit Landflächen von 6850 Quadratkilometern, was fast der Hälfte von Thüringen entspricht, zählt Rusagro zu den größten Grundbesitzern in Russland. Moschkowitsch war nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den 1990er Jahren zu Reichtum gelangt und hatte Rusagro im Jahr 2004 gegründet. Die Familie Moschkowitsch kontrollierte nach Daten der Nachrichtenagentur Interfax zuletzt 49 Prozent der Aktien.
Hintergrund der Verhaftung ist russischen Medienberichten zufolge ein lange währender Rechtsstreit zwischen dem Speiseölproduzenten Solnechnie Produkty und dessen Gründern auf der einen und Rusagro und Moschkowitsch auf der anderen Seite. Entzündet habe sich der Konflikt an einem vereinbarten Kauf eines 85-prozentigen Anteils an Solnechnie Produkty. Ein im Gegenzug vereinbartes Investment sei jedoch nicht erfolgt. Früheren Berichten des Senders RBC und der Zeitung “Kommersant” zufolge soll es in der Auseinandersetzung vor einem Monat eine unerwartete Wendung gegeben haben, deren Ursache unklar sei.
Im Zuge des russischen Kriegs gegen die Ukraine waren Moschkowitsch und Rusagro ins Visier sowohl russischer als auch europäischer Behörden geraten. Die EU verhängte 2022 Sanktionen gegen Moschkowitsch, nachdem er am Tag der russischen Invasion an einem Treffen von Geschäftsleuten mit Präsident Wladimir Putin teilgenommen hatte. Infolge dessen zog sich Moschkowitsch aus dem Topmanagement von Rusagro zurück und reduzierte seinen Anteil an dem Konzern, der von der EU nicht sanktioniert wird.
Russland wiederum zwang nach einem Rechtsstreit Rusagro, den Konzernsitz von Zypern nach Russland zu verlegen. Zypern war aufgrund einer russlandfreundlichen Wirtschaftspolitik lange Zeit ein wichtiger Anlaufpunkt für die russische Wirtschafts- und Finanzwelt in der EU. Früheren EU-Angaben zufolge hatte Moschkowitsch neben dem russischen und auch einen zyprischen Pass. Das US-Wirtschaftsmagazin “Forbes” schätzt sein Vermögen auf 2,7 Milliarden Dollar. Eine Gruppe von Abgeordneten der russischen Staatsduma hatte das Justizministerium im vergangenen Jahr aufgefordert, Moschkowitsch als “ausländischen Agenten” und damit als politisch feindlich gesonnene Person einzustufen.
Zuletzt hatten die USA unter ihrem neuen Präsidenten Donald Trump Russland in Aussicht gestellt, Agrarprodukte über das Schwarze Meer für die globalen Märkte zu exportieren. Russland hat seit Kriegsbeginn einige als wichtig eingestufte Privatunternehmen verstaatlicht, denen ausländische Verbindungen zum Vorwurf gemacht worden waren. Darunter war etwa der Flughafen Domodedowo, einer der großen Airports der Hauptstadt.
(Bericht von Felix Light, Guy Faulconbridge und Gleb Bryanski. Redigiert von Ralf Bode. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)