Experten warnen vor massiven Verwerfungen durch neue Welle von Zöllen

– von Christian Krämer und Rene Wagner

Berlin/Washington (Reuters) – Die erwarteten neuen US-Zöllen gegen vermutlich fast alle Handelspartner der USA werden Ökonomen und Zentralbanken zufolge zu einem beträchtlichen Schaden für die Weltwirtschaft führen.

Die Regierung von Präsident Donald Trump will am Mittwoch sogenannte reziproke Zölle verkünden, die das bisherige Handelssystem auf den Kopf stellen könnten. Bei diesem Konzept würde die deutsche Wirtschaft laut Münchner Ifo-Institut noch relativ gut wegkommen, weil die Lücke zwischen den Zöllen auf beiden Seiten des Atlantiks vergleichsweise gering ist. Die “Washington Post” hatte jedoch berichtet, dass es statt eines differenzierten Ansatzes von Land zu Land auf eine pauschale Vorgehensweise mit einem Sonderzoll von 20 Prozent hinausläuft. Am Donnerstag sollen zudem die neuen US-Zölle auf Auto-Importe aus Europa in Kraft treten. Gegenmaßnahmen sind wahrscheinlich und werden zeitnah erwartet.

Einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge kann ein Handelskrieg die EU-Exporte in die USA drastisch reduzieren. Ein von den Vereinigten Staaten eingeführter pauschaler Zollsatz von 25 Prozent auf EU-Importe mit entsprechenden Gegenmaßnahmen würde die Ausfuhren dorthin langfristig um die Hälfte verringern, so die Forscher. Zugleich könnte die EU-Produktion in Schlüsselbranchen wie Pharma, Transportausrüstung, Kraftfahrzeuge und Elektronik sinken. In diesem Szenario würde das Bruttoinlandsprodukt der EU im Schnitt über alle Mitgliedstaaten hinweg um 0,25 Prozent abnehmen. Die Exportnation Deutschland wäre demnach besonders betroffen: Hier könnte die Wirtschaftsleistung um etwa 0,33 Prozent schrumpfen.

Glimpflicher käme Deutschland davon, sollten die reziproken Zölle ihrem Namen gerecht werden. Laut Ifo-Berechnungen würden die deutschen Ausfuhren dann um 2,4 Prozent sinken, sollte die EU keine Gegenmaßnahmen ergreifen. Diese Schätzung beruht auf der Annahme, dass Trump mit den neuen Zöllen exakt den Abstand zu den Sätzen der US-Handelspartner eliminiert. “Potenziell sind über die Hälfte aller deutschen Exporte in die USA betroffen”, so Ifo-Expertin Lisandra Flach. “Die Auswirkung von wechselseitigen Zöllen wäre für Deutschland jedoch wesentlich geringer als bei pauschalen US-Zöllen von 20 Prozent.” Bei pauschalen US-Zöllen von 60 Prozent auf China und 20 Prozent auf den Rest der Welt würden die deutschen Exporte in die USA um etwa 15 Prozent zurückgehen.

Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, warnte vor weltweit negativen Auswirkungen. Der Schaden hänge davon ab, wie weit die Zölle reichten, wie lange sie andauerten und ob sie erfolgreiche Verhandlungen auslösten, sagte die Französin dem irischen Sender Newstalk Radio. “Denn wir dürfen nicht vergessen, dass diese Eskalationen bei Zöllen, die sich als schädlich erweisen, selbst für die, die sie verhängen, häufig zu den Verhandlungstischen führen.”

“TAG DER BEFREIUNG”

Trump will die Zölle am Abend – 22.00 Uhr deutscher Zeit – im Rosengarten des Weißen Hauses vorstellen. Sie sollen dann sofort greifen. Der Republikaner hatte in diesem Zusammenhang zuletzt vom “Tag der Befreiung” gesprochen, die EU vom “Tag der Willkür”. Seit Trumps Amtsantritt im Januar hat er bereits umfangreiche Zölle gegen China erlassen, zudem schützt er mit neuen Zöllen die heimische Stahl- und Aluminiumindustrie. Im Visier hat Trump auch die US-Nachbarn Mexiko und Kanada, die eigentlich in einer Freihandelszone mit den USA verbunden sind. Auch Europa ist nicht verschont geblieben. Zahlreiche Gegenzölle wurden bereits verhängt, weitere werden erwartet.

Die USA haben bei Gütern ein Handelsdefizit mit anderen Staaten oberhalb von 1,2 Billionen Dollar. Allerdings sind die USA bei Dienstleistungen, vor allem digitalen Dienstleistungen, oft sehr dominant.

In Berlin signalisierte Regierungssprecher Steffen Hebestreit eine entschlossene Reaktion der Europäischen Union. “Richtig ist aber auch, dass wir für Verhandlungen auf europäischer Ebene gegenüber den USA bereit sind.” Die Sprecherin der französischen Regierung warnte vor schweren Verwerfungen bei erwarteten Zöllen in der Größenordnung von 20 bis 25 Prozent. Österreichs Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) will als Reaktion gegen große US-Firmen vorgehen. “Ich werde am kommenden Montag beim Handelsministerrat dafür eintreten, dass wir auch die US-Techkonzerne ins Visier nehmen.” In Rom sagte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, die italienische Industrie würde schwer getroffen werden. Es müsse alles unternommen werden, um eine Spirale aus Zöllen und Gegenzöllen zu verhindern.

TRUMP WIE DER “BULLY AUF DEM SCHULHOF”

Der Verband der deutschen Elektro- und Digitalindustrie forderte ein geschlossenes und selbstbewusstes Auftreten der für Handelspolitik zuständigen EU-Kommission. “Die US-Regierung benimmt sich wie der Bully auf dem Schulhof”, sagte ZVEI-Chef Wolfgang Weber. “Dagegen müssen wir uns in Europa zur Wehr setzen. Die EU darf sich nicht rumschubsen lassen.” Zugleich sollte die Staatengemeinschaft offen für Verhandlungen sein, die allerdings auf Augenhöhe geführt werden müssten.

Sollte es der EU gelingen, durch Verhandlungen wechselseitige Zölle auf beiden Seiten des Atlantiks gleichermaßen abzubauen, hätte dies laut Ifo-Simulationen positive Effekte. “Unsere Ergebnisse unterstreichen die wichtige Rolle von Verhandlungen, um die nachteiligen Auswirkungen eines Handelskrieges abzuwenden”, sagte Ifo-Expertin Flach.

(Mitarbeit von Andreas Rinke, Frank Siebelt, David Lawder, Andrea Shalal und Hakan Ersen, redigiert von Ralf Banser. Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)

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