Zürich (Reuters) – Die von US-Präsident Donald Trump angekündigten hohen Zusatzzölle auf Waren aus der Schweiz haben die Politik und Wirtschaft der Alpenrepublik am falschen Fuß erwischt und Schockwellen durch das Land geschickt.
Sie sei enttäuscht, erklärte Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter am Donnerstag vor Journalisten. Vertreter aus der Wirtschaft sprachen von einer ernsthaften Belastung für die Schweiz. “Das haben wir so nicht erwartet, das hat niemand erwartet, das ist ein schwerer Schlag für unsere Exportwirtschaft”, sagte Jan Atteslander vom Wirtschaftsdachverband Economiesuisse zum Schweizer Radio.
Trump verhängte am Mittwoch Zölle in Höhe von 31 Prozent auf Einfuhren aus der Schweiz. Der Satz ist der höchste unter den westlichen Industrieländern. Die Zölle auf Importe aus der Europäischen Union (EU) und aus Großbritannien sind mit 20 Prozent und zehn Prozent deutlich niedriger. Mit den Aufschlägen dürfte der US-Präsident darauf reagieren, dass die Schweiz gegenüber den USA seit Jahren auf einen hohen Handelsbilanzüberschuss kommt. “Diese Politik seitens Herrn Trump schadet dem Wohlstand in unserem Land, den Löhnen”, sagte Thierry Burkart, Präsident der liberalen FDP. “Die Auswirkungen für die Schweiz sind groß.”
Einfuhren der wichtigen Pharmabranche sind vorerst von Zöllen ausgenommen. Die Vereinigten Staaten sind der wichtigste Schweizer Exportmarkt, rund 17 Prozent der Ausfuhren im Wert von 378 Milliarden Franken gingen im Jahr 2023 dorthin.
SNB VON ZOLLAUSMASS ÜBERRASCHT – SINKEN ZINSEN WEITER?
Die Regierung in Bern konstatierte, dass die Schweiz im Vergleich zu anderen US-Handelspartnern mit ähnlicher Wirtschaftsstruktur mit besonders hohen Zusatzzöllen konfrontiert sei. “Die USA haben sich bei der Festlegung dieser Werte auf eigene mechanische Berechnungen gestützt, die der Bundesrat nicht nachvollziehen kann”, sagte Keller-Sutter. “Der Bundesrat bedauert, dass sich die USA mit diesen Beschlüssen weiter vom Freihandel und einer regelbasierten Handelsordnung abwenden.”
Um eine Eskalation zu vermeiden, wird die Regierung auf Gegenmaßnahmen verzichten. Wirtschaftsminister Guy Parmelin ergänzte, dass sich wegen der Zölle die Schweizer Wirtschaft weniger gut entwickeln dürfte als bislang angenommen. Ökonomen gehen davon aus, dass die neue US-Zollrunde die globale Konjunktur dämpfen und insbesondere das Wachstum in der Eurozone schwächer ausfallen werde. In der Schweiz dürfte das Wachstum in diesem Fall dieses Jahr rund ein Prozent betragen statt der bislang veranschlagten 1,5 Prozent, erklärten etwa die Volkswirte der Großbank UBS.
“Es ist eine Überraschung gewesen, wie hoch diese Zahl ist”, sagte Notenbankdirektorin Petra Tschudin zu den US-Zöllen für Schweizer Waren. Es bestünden nun sicher gewisse Abwärtsrisiken für die Schweizer Wirtschaft. Manche Volkswirte gehen nun davon aus, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) ihren mit 0,25 Prozent bereits tiefen Leitzins weiter zurücknehmen oder sogar in den negativen Bereich absenken könnte, um einer Aufwertung des Frankens entgegenzuwirken und der Exportindustrie unter die Arme zu greifen. Die Chancen auf weitere Zinssenkungen der SNB sind mit den Zollankündigungen gestern deutlich gestiegen, erklärten die UBS-Volkswirte.
Die SNB hatte jahrelang im großen Stil Fremdwährungen gekauft, um eine zu starke Aufwertung des Frankens zu verhindern und damit auch die Exporte zu erleichtern. Das hatte der Alpenrepublik von Seiten der US-Behörden wiederholt den Vorwurf eingebracht, sie sei ein Währungsmanipulator. Die Bundespräsidentin stärkte der Notenbank am Donnerstag den Rücken und erklärte, dass es keine Währungsmanipulation gebe. Die Unabhängigkeit der SNB werde nicht angetastet, versicherte Keller-Sutter.
(Bericht von Paul Arnold, Oliver Hirt und Ariane Luthi. Redigiert von Ralf Bode. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)