– von Christian Krämer und Rene Wagner
Berlin/Washington (Reuters) – “Zollhammer”, “Frontalangriff auf den Welthandel”, “Tag der Willkür”: Mit scharfer Kritik haben Deutschland und andere Länder auf den von US-Präsident Donald Trump eröffneten Handelskrieg reagiert.
Umgehend wurden Gegenmaßnahmen angekündigt. Und Verhandlungen mit der US-Regierung. Die von Trump verkündeten Zölle haben Ökonomen zufolge das Potenzial, die Weltwirtschaft spürbar zu bremsen. Sie könnten auch die globale Inflation wieder anheizen, die Trump in den USA eigentlich bekämpfen will. In Deutschland sind vom Handelsgebaren der US-Regierung vor allem die Autobranche und der Maschinenbau betroffen. Die Aktienmärkte reagierten am Donnerstag mit deutlichen Verlusten, Gold als sicherer Hafen war dagegen gefragt.
“Das ist einfach ein schwerer ökonomischer Fehler, der den USA schadet”, kommentierte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) die Zollankündigungen Trumps in Berlin. Weltweit seien Lieferketten von Unternehmen betroffen. “Selbst wenn Europa nichts täte, würde das zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den Vereinigten Staaten kommen.” Die EU als größter Wirtschaftsraum mit 450 Millionen Menschen werde zeigen, dass sie “starke Muskeln” habe.
Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sprach von den “disruptivsten Zollerhöhungen” seit 90 Jahren. In Handelskriegen gebe es nur Verlierer. Trump müsse Gegendruck spüren, dann werde er sich korrigieren. “Dieser Druck muss jetzt entfaltet werden.”
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach von einem schweren Schlag für die Weltwirtschaft. “Wir bereiten uns jetzt auf weitere Gegenmaßnahmen vor, um unsere Interessen und unsere Unternehmen zu schützen, falls die Verhandlungen scheitern.” Details nannte sie noch nicht.
Habeck signalisierte, dass Brüssel die großen US-Technologiekonzerne ins Visier nehmen könnte. Schon Trumps Grundannahme, dass die USA über den Tisch gezogen würden, sei falsch. Sie seien einer der größten Gewinner der Globalisierung.
EU-Handelskommissar Maros Sefcovic will am Freitag mit Vertretern der US-Regierung über den Zollkonflikt sprechen. Die EU plane Zeit für Gespräche ein, teilte er mit. “Wir werden jedoch nicht tatenlos zusehen, sollten wir keine faire Vereinbarung erreichen können.”
Habeck sagte, es sei klug, dass sich die EU Zeit für Verhandlungen nehmen wolle. “Wir sollten nicht die Heißsporne sein.” Die EU sollte nicht Produkte teurer machen, bei denen sie auf Importe angewiesen ist. Es gelte, das Feuer zu löschen und nicht noch anzuheizen, so der Wirtschaftsminister.
Die europäischen Regierungschefs werden sich einem Insider zufolge am Wochenende abstimmen. Am Montag tagen dann die Handelsminister der 27 EU-Staaten. Gegenzölle für US-Waren in Höhe von bis zu 26 Milliarden Euro für die Mitte März in Kraft getretenen US-Zölle auf Stahl und Aluminium sind bereits geplant.
“TAG DER BEFREIUNG” FÜR TRUMP
Trump hatte die Welle an neuen Zöllen am Mittwoch bei einer Zeremonie im Rosengarten des Weißen Hauses verkündet. Ab dem 5. April soll ein Basiszoll von zehn Prozent auf alle Importe in die Vereinigten Staaten gelten. Zudem kündigte der Republikaner noch höhere Zölle für einige der größten US-Handelspartner an, die am 9. April wirksam werden sollen. Für die Europäische Union sollen 20 Prozent gelten, für China sind 34 Prozent vorgesehen, für Japan 24 Prozent, für Südkorea 25 Prozent, für Taiwan 32 Prozent. Weniger stark betroffen sind Großbritannien, Brasilien und Singapur – Staaten, die im vergangenen Jahr Handelsdefizite mit den USA auswiesen. Russland, Belarus, Kuba, Nordkorea wurden auf seiner Liste nicht erwähnt.
Trump war im Januar wieder ins Weiße Haus eingezogen. Nach Berechnungen der Rating-Agentur Fitch ist der effektive Importzoll der USA seitdem auf 22 Prozent nach oben geschossen – ein in etwa vergleichbares Niveau gab es zuletzt im Jahr 1910. 2024 waren es noch 2,5 Prozent. Der US-Präsident will über die Zölle Firmen dazu bringen, in den USA direkt zu investieren. Dadurch sollen Jobs geschaffen werden, vor allem in strukturschwachen Regionen des Landes. Trump hat bereits mit weiteren Zöllen auf Chips, Pharmazeutika und Mineralien gedroht.
Neben der EU haben auch China und Kanada Vergeltung auf die US-Zölle angekündigt. “China lehnt dies entschieden ab und wird Gegenmaßnahmen ergreifen, um seine eigenen Rechte und Interessen zu schützen”, so das Handelsministerium in Peking. Der Schritt der USA missachte den Interessenausgleich, der in multilateralen Verhandlungen im Laufe der Jahre erreicht worden sei.
Das sei kein kluger Schritt, sagte US-Finanzminister Scott Bessent, Gegenmaßnahmen würde zu einer Eskalation führen.
Die Reaktion an den Börsen war drastisch. Der deutsche Leitindex Dax rutschte unter die 22.000-Punkte Marke und fiel um bis zu 2,6 Prozent. Besonders betroffen waren die Sportartikel-Hersteller, da wichtige Produktionsländer wie Kambodscha, Vietnam, Bangladesch oder Indonesien mit Zöllen zwischen 49 und 32 Prozent belegt wurden.
RIESIGER SCHADEN FÜR DEUTSCHE WIRTSCHAFT
Nach Berechnungen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) kann sich der Schaden für die hiesige Wirtschaft in der vierjährigen Amtszeit Trumps auf rund 200 Milliarden Euro summieren. Das Bruttoinlandsprodukt läge dann im Jahr 2028 um etwa anderthalb Prozent niedriger als ohne Zölle. Für die Europäische Union könnte sich der Schaden auf etwa 750 Milliarden Euro summieren. “Für Deutschland ist der Zoll von 20 Prozent eine ökonomische Katastrophe.”
Andere Ökonomen sagen voraus, dass die deutschen Exporte in die USA um etwa 20 Prozent einbrechen dürften. Die USA sind das größte Abnehmerland für Waren “Made in Germany”. Allerdings gehen 90 Prozent aller Ausfuhren in andere Staaten. Die deutsche Wirtschaft fordert seit langem von der EU-Kommission, die Verhandlungen von Freihandelsabkommen pragmatischer anzugehen und schneller zu Abschlüssen zu kommen.
Deutschland steckt seit zwei Jahren in einer Rezession. Die Wirtschaft erhofft sich von der wahrscheinlich nächsten Regierung aus Union und SPD Strukturreformen, um den Standort wieder wettbewerbsfähiger zu machen. Die Zölle treffen Deutschland also in einer schwierigen Lage. Achim Wambach, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), sagte der Nachrichtenagentur Reuters, das deutsche Bruttoinlandsprodukt werde nun um bis zu 0,5 Prozent sinken.
(Mitarbeit von Andreas Rinke, Klaus Lauer sowie den Reuters-Büros in Washington, Paris und Brüssel. Bei Rückfragen wenden Sie sich an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)