Aufträge der deutschen Industrie stagnieren – “Trostloses Dasein”

Berlin (Reuters) – Die deutsche Industrie steckt schon vor den drastischen US-Zollerhöhungen im Auftragsloch.

Auf den Einbruch der Bestellungen zu Jahresbeginn folgte im Februar eine Stagnation auf dem Vormonatsniveau, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. Das kommt überraschend: Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen waren von einem Wachstum von 3,5 Prozent ausgegangen. Im Januar hatte es noch einen Einbruch von revidiert 5,5 (bisher: -7,0) Prozent gegeben.

“Trotz eines Rückgangs der Unsicherheit über wichtige wirtschafts- und finanzpolitische Rahmenbedingungen im Inland stehen einer nachhaltigen Stimmungsaufhellung Risiken durch die jüngsten Entscheidungen in der US-Handelspolitik entgegen”, kommentierte das Bundeswirtschaftsministerium die Entwicklung. US-Präsident Donald Trump hatte am Mittwoch einen 20-prozentigen Zoll auf Importe von Waren aus der Europäischen Union angekündigt, der kommende Woche in Kraft treten soll. “Auch im Inland fahren die Unternehmen auf Sicht, bis wieder mehr Klarheit über den langfristigen wirtschaftspolitischen Kurs in Deutschland besteht”, sagte der Konjunkturexperte der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Jupp Zenzen.

“AUFTRÄGE ALS SEISMOGRAPH”

Die Bestellungen aus dem Inland nahmen im Februar um 1,2 Prozent ab. Die Auslandsnachfrage legte dagegen um 0,8 Prozent zu. Dabei gingen die Aufträge aus der Euro-Zone um 3,0 Prozent zurück, während die aus dem Rest der Welt um 3,4 Prozent wuchsen. “Die Auftragslage fristet weiterhin ein trostloses Dasein”, sagte der Chefvolkswirt der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank, Alexander Krüger. “US-Zölle nehmen die Industrie noch mehr in die Zange, der Stellenabbau dürfte sich fortsetzen.” Wie stark Trumps Maßnahmen die deutschen Unternehmen treffen werden, dürfte sich in den kommenden Monaten bei den Aufträgen zeigen. “Sie sind der Seismograph”, sagte der Chefvolskwirt der VP Bank, Thomas Gitzel. “Sie werden als erstes aufzeichnen, wie stark die deutsche Wirtschaft von den Zöllen betroffen sein wird.” 2024 lieferte die Industrie Waren im Wert von gut 161 Milliarden Euro in die Vereinigten Staaten – ein Rekordwert.

Es gibt aber auch Hoffnungszeichen. So haben sich Stimmungsindikatoren wie das Ifo-Geschäftsklima erholt. Zudem haben Union und SPD bei ihren Gesprächen zur Regierungsbildung ein 500 Milliarden Euro großes Paket für Investitionen in die Infrastruktur vereinbart. Es gebe daher durchaus Hoffnung, dass es mit den Aufträgen in den kommenden Monaten etwas nach oben gehe, wie Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer betonte. “Das liegt vor allem an den weltweiten Leitzinssenkungen”, nannte Krämer einen weiteren Grund, fügte aber auch hinzu: “Die massiv gestiegenen US-Zölle werden die Erholung allerdings bremsen.”

In den einzelnen Branchen zeigen sich “sehr unterschiedliche Entwicklungen”, so die Statistiker. Hersteller von Metallerzeugnissen mussten im Februar einen Einbruch von 7,4 Prozent verkraften. Bei den Produzenten von elektrischen Ausrüstungen ging es um 5,3 Prozent nach unten, in der Pharmaindustrie um 5,9 Prozent. Auftragszuwächse meldeten dagegen die Maschinenbauer (+3,4 Prozent), der Sonstige Fahrzeugbau (Flugzeuge, Schiffe, Züge, Militärfahrzeuge; +3,8 Prozent) und die Autoindustrie (+0,6 Prozent).

(Bericht von Rene Wagner, redigiert von Ralf Banser – Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

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