Kairo/Jerusalem (Reuters) – Hunderte Palästinenser haben im Norden des Gazastreifens gegen die radikal-islamische Hamas protestiert und ein Ende des Krieges gefordert.
Sie skandierten “Hamas raus”, wie aus Beiträgen in den sozialen Medien hervorgeht, die sich am späten Dienstagabend weit verbreiteten. Es ist ein seltenes öffentliches Zeichen der Opposition gegen die militante Organisation, die mit ihrem Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 den Krieg ausgelöst hat. Der Norden des Gazastreifens zählt zu den am stärksten zerstörten Gebieten des Küstengebietes. Die meisten Gebäude in dieser dicht besiedelten Region liegen in Schutt und Asche. Ein Großteil der Bevölkerung musste mehrfach mit den notwendigsten Habseligkeiten vor dem Konflikt und den Angriffen der israelischen Armee fliehen.
“Raus, raus, raus, Hamas, raus!”, skandierten die Menschen in einem auf der Plattform X veröffentlichten Post, offenbar aus der Region Beit Lahija. Zu sehen waren Menschen, die eine staubige Straße zwischen zerstörten Gebäuden entlang marschierten. Reuters konnte den Standort des Videos anhand von Gebäuden, Strommasten und einem Straßenverlauf bestätigen, der mit Satellitenbildern der Gegend übereinstimmt. Das Datum des Videos konnte Reuters nicht unabhängig verifizieren. Mehrere in den sozialen Medien verbreitete Videos und Fotos zeigten jedoch Proteste in der Gegend am 25. März. Auf einem der von der Menge hoch gehaltenen Banner stand unter anderem “Genug der Kriege”, während die Menschen “Wir wollen keinen Krieg” skandierten. Mehr als 50.000 Palästinenserinnen und Palästinenser wurden bislang getötet – darunter zahlreiche Frauen und Kinder.
Hunderttausende Menschen, die zu Beginn des Krieges in den Süden des Gazastreifens geflohen waren, waren nach Inkrafttreten der Waffenruhe im Januar in ihre zerstörten Häuser im Norden zurückgekehrt. Am 18. März aber hat die israelische Armee ihre Offensive wieder aufgenommen – auch mit Bodentruppen. Es ergingen erneut Evakuierungsbefehle für die palästinensische Bevölkerung. Die Waffenruhe ist de facto hinfällig. Seit Wiederaufnahme der israelischen Angriffe wurden nach Angaben palästinensischer Gesundheitsbehörden fast 700 Menschen, hauptsächlich Frauen und Kinder, getötet.
Die Hamas hatte 2006 die Wahl im Gazastreifen gewonnen und nach einem kurzen Konflikt mit der gemäßigten Fatah, die im Westjordanland das Sagen hat, die Kontrolle über den Gazastreifen fest in der Hand. Raum für Opposition bietet sich kaum. Einige Palästinenser scheuen sich aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen, sich öffentlich gegen die Gruppe zu äußern.
(Bericht von: Edmund Blair, Bernadette Baum; geschrieben von Sabine Ehrhardt, redigiert von Kerstin Dörr. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte)