Frankfurt (Reuters) – An den Börsen flüchten die Anleger aus Angst vor den Folgen eines weltweiten Handelskrieges in Scharen aus Aktien.
Die Verkaufswelle verstärkte sich am Freitag nach der Ankündigung von chinesischen Vergeltungszöllen als Antwort auf US-Präsident Donald Trump. “Spätestens heute hat der nächste Handelskrieg begonnen”, sagte IG-Market-Stratege Christian Henke. Rund um den Globus schalteten die Investoren am Freitag in den “Risk-Off”-Modus und griffen etwa bei Staatsanleihen zu, während Rezessionssorgen die Ölpreise um zeitweise mehr als neun Prozent zum Absturz brachten. An den Aktienmärkten Europas krachte es den zweiten Tag in Folge: Der Dax stürzte um bis zu 5,9 Prozent auf 20.437 Zähler in die Tiefe und damit noch heftiger als im Februar 2022, als Russland in die Ukraine einmarschiert war. Der EuroStoxx50 gab bis zu 5,4 Prozent nach. Vor allem Bankenaktien gerieten unter Druck. Der europäische Volatilitätsindex, der als Angstmesser an den Börsen gilt, kletterte um 11,5 Punkte – der größte Tagesanstieg seit 3,5 Jahren. An der Wall Street zeichnete sich an Nachmittag ein erneuter Ausverkauf ab: Die Futures auf die US-Leitindizes lagen rund drei Prozent schwächer.
China kündigte eine Reihe von Gegenmaßnahmen gegen die von Trump verhängten Zölle an, darunter zusätzliche Zölle von 34 Prozent auf alle US-Waren und Exportbeschränkungen für bestimmte Seltene Erden. “China schlägt mit einer aggressiven Reaktion zurück … das ist bedeutsam und wird wahrscheinlich noch lange nicht vorbei sein”, sagte Stephane Ekolo, Marktstratege bei Tradition in London. Die gegenseitigen Zölle markieren aus Sicht der Experten eine drastische Eskalation. Sie drohen, die Preise in die Höhe zu treiben, Lieferketten zu stören und die Gewinnmargen der Unternehmen zu drücken. Im Zuge dessen steuerte der Dax auf ein Wochenminus von mehr als sieben Prozent zu. Charttechnisch riefen Strategen den Korrekturmodus aus, da der Leitindex von seinem Allzeithoch von Mitte März mittlerweile mehr als zehn Prozent entfernt ist.
Trump hatte am Mittwoch angekündigt, dass er einen Basiszollsatz von zehn Prozent auf alle Importe in die USA und höhere Zölle auf Dutzende anderer Länder erheben werde. Für die EU sollen dabei 20 Prozent gelten, für China sind 34 Prozent vorgesehen.
BANKAKTIEN BRECHEN ERNEUT EIN
Besonders hart traf es an den Börsen den konjunktursensiblen Bankensektor. Der europäische Bankenindex sackte um bis zu 10,5 Prozent ab und war auf dem Weg zu seinem schlechtesten Tag seit März 2020. Im Dax verloren die Aktien der Deutschen Bank bis zu 12,1 Prozent auf 18,30 Euro. Damit steuerten sie auf ihren größten Tagesverlust seit Juni 2022 zu. Händler gehen nun davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung der EZB um einen Viertelprozentpunkt im Laufe dieses Monats bei 90 Prozent liegt. Zudem werden vor Ende 2025 allgemein zwei weitere Zinssenkungen erwartet.
Auch der Luxussektor, dessen Absatz in hohem Maße von China abhängt, geriet ins Stocken: Das französische Unternehmen LVMH verlor 2,8 Prozent, während die Aktien von Gucci-Eigner Kering, Hermes und Richemont zwischen 3,4 und 7,5 Prozent nachgaben.
AUSVERKAUF AM ROHSTOFFMARKT
Die Ölpreise rutschten nach dem Gegenschlag Chinas im Zollstreit mit den USA immer stärker ab. Nordseeöl Brent standen bis zu 8,5 Prozent im Minus bei 64,14 Dollar je Fass. Der Preis für US-Öl WTI stürzte um 9,2 Prozent auf 60,81 Dollar je Fass ab. Auf Wochensicht steuerten die Preise damit auf ein Minus von jeweils mehr als zwölf Prozent zu. “Der Handelskrieg ist eskaliert, die Rezessionsängste steigen und folglich wird das Wachstum der Ölnachfrage einen beträchtlichen Schlag erleiden”, sagte Tamas Varga, Analyst bei PVM. Aktien von Öl- und Gaskonzernen gingen auf Talfahrt. Der europäische Branchenindex fiel um 6,3 Prozent. Verstärkt wurde der Preisdruck durch die jüngste Entscheidung der Opec+-Gruppe, im Mai ihre Produktion deutlich zu steigern.
Auch beim Industriemetall Kupfer schlugen Konjunktursorgen zu Buche. Der Preis fiel um sechs Prozent auf 8802 Dollar je Tonne. Die Aussicht auf einen globalen Handelskrieg und ein schwächeres Wirtschaftswachstum dürften den Abwärtsdruck auf den Rohstoffmärkten erst einmal aufrechterhalten”, prognostizierten die Analysten der ANZ-Bank.
Auf der Suche nach risikoärmeren Anlagemöglichkeiten griffen die Investoren erneut bei Staatsanleihen zu. Die Kurse der zehnjährigen deutschen Bonds stiegen, im Gegenzug fiel die Rendite auf 2,500 Prozent nach 2,641 Prozent im Schlussgeschäft vom Donnerstag.
(Bericht von Anika Ross, Daniela Pegna. Redigiert von Olaf Brenner. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)