– von Reinhard Becker und Klaus Lauer und Rene Wagner
Berlin (Reuters) – Die Konjunkturschwäche treibt die deutsche Arbeitslosenzahl erstmals seit über zehn Jahren über die Drei-Millionen-Marke.
Die Zahl der Erwerbslosen kletterte im August um 46.000 auf 3,025 Millionen, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Freitag in Nürnberg mitteilte. Eine Drei vor dem Komma in dieser Statistik hatte es zuletzt im Februar 2015 mit damals 3,017 Millionen Arbeitslosen gegeben. Die Arbeitslosenquote stieg um 0,1 Punkte auf 6,4 Prozent. “Im August ist das eingetreten, was wir auch erwartet haben: Aufgrund der Sommerpause ist die Arbeitslosigkeit auf über drei Millionen gestiegen”, erläuterte BA-Chefin Andrea Nahles. Wegen der Urlaubszeit verschieben viele Betriebe Neueinstellungen auf das Ferienende.
Der Arbeitsmarkt sei nach wie vor von der wirtschaftlichen Flaute der vergangenen Jahre geprägt, betonte Nahles. “Wir haben eine Tahlsohle erreicht im Arbeitsmarkt. Wir sind noch nicht raus.” Es gebe allerdings auch erste Anzeichen einer Stabilisierung – “wenn auch zarte”. Die Kurzarbeit liege zwar weiter auf einem erhöhten Niveau, nehme aber seit Jahresbeginn kontinuierlich leicht ab. Im September dürfte die übliche Herbstbelebung einsetzen und für einen Rückgang der Arbeitslosigkeit sorgen, sagte Nahles. Es könne aber sein, “dass wir die Marke von drei Millionen im Winter dann nochmal überschreiten werden”.
Als positive Überraschung erwies sich, dass die Zahl der Arbeitslosen um jahreszeitliche Schwankungen bereinigt im August um 9000 niedriger ausfiel als im Vormonat. Analysten hatten hier ein Plus von 10.000 erwartet. Im Vergleich zum Vorjahresmonat stieg die Zahl der Menschen ohne Job im August allerdings um 153.000.
“REZESSIONSJAHRE SCHLAGEN AUF ARBEITSMARKT DURCH”
Die eingetrübte Lage am Arbeitsmarkt wirft so auch ein Schlaglicht auf die wirtschaftliche Schwäche der größten Volkswirtschaft Europas. “Fast drei Jahre Rezession schlagen jetzt auch auf den Arbeitsmarkt durch: Drei Millionen Arbeitslose sind ein Armutszeugnis für die Reformverweigerung der vergangenen Jahre”, sagte Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger. Deutschland brauche einen echten “Herbst der Reformen”. “Die Regierung darf sich nicht in den zahlreichen Kommissionen wegducken und die jetzt notwendigen Entscheidungen weiter vertagen, verschleppen und verwässern”, mahnte Dulger.
Nach zwei Rezessionsjahren in Folge hat die Konjunktur auch 2025 noch nicht Tritt gefasst, wie sich an dem im Frühjahr um 0,3 Prozent geschrumpften Bruttoinlandsprodukt ablesen lässt. Insbesondere die Industrie steckt in der Krise. Die Firmen ächzen unter den hohen Energiekosten, zugleich macht dem Außenhandel die aggressive Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump zu schaffen. Die hiesigen Maschinen- und Anlagenbauer sehen gar das gesamte US-Geschäft vieler Unternehmen als gefährdet an.
Viele Firmen in Deutschland reagieren auf die schwierige Lage mit verstärktem Stellenabbau. Ifo-Präsident Clemens Fuest erwartet angesichts der eingetrübten Lage am Jobmarkt negative Folgen für die Konjunktur. “Der private Konsum ist derzeit schon verhalten, obwohl die verfügbaren Einkommen schneller wachsen als die Konsumentenpreise”, sagte der Chef des Münchner Wirtschaftsforschungsinstituts der Nachrichtenagentur Reuters. Viele Haushalte sparten mehr, weil sie sich Sorgen um die Zukunft machten. “Das wird bei schlechten Nachrichten vom Arbeitsmarkt wie der Überschreitung der Schwelle von drei Millionen Arbeitslosen zunehmen.”
Den Verbrauchern bereitet die Misere am Arbeitsmarkt zusehends Sorgen, wie sich an der eingetrübten Konsumstimmungablesen lässt. Dies bekommt auch der Einzelhandel zu spüren. Der Umsatz sank im Juli um 1,0 Prozent im Vergleich zum Vormonat, inflationsbereinigt fiel der Rückgang mit real 1,5 Prozent noch größer aus. Bei steigenden Realeinkommen dürfte der Konsum letztlich anziehen, erklärte Chefvolkswirt Alexander Krüger von der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank. “Zunehmende Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz sprechen aber nicht für eine höhere Dynamik.” Der Handelsverband Deutschland (HDE) fordert vor diesem Hintergrund von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) rasche Maßnahmen zur Stärkung der heimischen Konjunktur.
(Bericht von Reinhard Becker, Klaus Lauer, Rene WagnerBei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)